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Manfred G. Dinnes

MANFRED G. DINNES
Geboren in Regensburg
1969 - 72 Reisen in den Vorderen Orient und Nordafrika Studium der mesopotamischen Kulturen (Hethiter, Assyrer, Sumerer) Studium der prähistorischen Felsmalereien im Hoggar- Massiv (Algerien) Studium der Architektur der Dogon in Nigeria und Mali, verschiedene Durchquerungen der Sahara
1972 - 74 Ausbildung als Restaurator und Kirchenmalerei, Glasbläserei an der Glasfachschule Zwiesel
1974 - 80 Studium der Freien Malerei an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg bei Prof. Gerhard Wendland und Prof. Dr. Dr. Franz Winzinger
Akademiepreisträger 1977 und 1978, ab 1978 Meisterschüler
1980 Kulturförderpreis der Stadt Regensburg
1988 Studium an der Hochschule der Künste in Berlin,
1994 - 96 Humanitäre Hilfsmaßnahmen in Mostar (Bosnien- Herzegowina) Mitbegründer und Vorstandsmitglied der Hilfsorganisation "BRÜCKEN - für Humanität, Kultur, Toleranz und Dialog e.V." Einsatzgebiete: Mostar,
Sarajevo, Bihac, Tuzla
1997 Berufung an die Dzemal Bijedic Universität in Mostar, Lehrstuhl für "Interkulturelle Zusammenarbeit", Berufung an die Akademie der Schönen Künste in Sarajevo, Lehrstuhl für "Freie Malerei und Glasgestaltung"
2002 Fortsetzung der kunsttheoretischen Zusammenarbeit mit Dr. med. Nadim Sradj mit dem Schwerpunktthema: "Perception and Malperception of space and time" (Veröffentlichung: London 2002)
Zahlreiche Einzelausstellungen u.a. in Regensburg, München, Nürnberg, Erlangen, San Francisco, Berlin, Köln, St. Moritz, Zürich, Sarajevo, Wiesbaden, Antwerpen, Kiew, Odessa, Mostar, Makarska
Zahlreiche Gruppenausstellungen u.a. in New York, Washington, Philadelphia, Frankfurt, Bremen, Stuttgart, Chartre, Nimes, Metz, Darmstadt, Rom
Zahlreiche Filmporträts verschiedener Fernsehanstalten
Zahlreiche Buchveröffentlichungen, Vertreten in zahlreichen öffentlichen und privaten Sammlungen, Zahlreiche Gestaltungen öffentlicher Gebäude, Zahlreiche Aufsätze zum Werk

Wir leben in einer Welt von Dingen. Dinge sind es, die uns umgeben, Dinge sind es, an denen wir uns messen - und Dinge sind es auch, die durch uns entstehen.
Viele Dinge sind von Sinngehalten besetzt. Ungefähr, wie: "Spieglein, Spieglein an der Wand", oder, "das Wandern ist des Müllers Lust". Den meisten Dingen jedoch schenken wir keine Beachtung. Wir sehen Wolken, die am Himmel treiben, aber es ist Wind, der diese treiben lässt, - wir sehen einen Stein zu Boden fallen, aber nicht die Kraft, die ihn dazu zwingt. Was wir sehen, ist bestenfalls Oberfläche, sei es ein Klumpen Gold, ein Blatt, ein Mensch, eine Ölsardine, oder ein Aschenhaufen. Das Innere, das Wesenhafte sehen wir nicht.
Naturgemäß versucht der Mensch, da er gerne alles in einen Topf wirft, sich ein Bild von den Dingen zu machen. Glaubt er es zu haben, wird er es erzählen, als handele es sich dabei um eine Wahrheit, die 1000 Jahre zu gelten habe.
Der Inhalt hat ihn längst überholt, ja in seinem Beharren auf dem Standpunkt wird er nicht einmal bemerken, dass dieser Standpunkt, ohne dass er selbst es bemerkte, sich auch veränderte.

Lässt sich das, was man einen Augenblick vorher erlebte, erfuhr, einen Augenblick später in dem gleichen Maße wiedergeben - matrixhaft?
Herrgott, wie mich die Erwartungen an meine Bilder anöden . . . Alles ist letztendlich Erinnerung. Eine Tasse Kaffee, die ich gerade trinke, ist in weniger Zeit, als wir glauben Erinnerung. Wenn ich mir die Aufgabe stelle, ein Bild zu malen - wohlgemerkt: Ich stelle mir die Aufgabe - habe ich keine Idee, keine lausige Geschichte, keine Emotion.
Ich habe Augen - ein Augenmensch. Ein Bild ist keine Geschichte, strotzend von der Genugtuung, ein hübsches Szenarium aufzuzeigen.
Das Potential nicht wahrgenommener Erinnerung bildet ein vernetztes System mit den wahrgenommenen und plötzlich entsteht das Bild einer neuen Realität, wenn es dies überhaupt gibt. Man presst sich viel zu sehr in das Dilemma der Vordergründigkeit. Solche Bastionen stürzen dann sehr schnell ein, was die neuere Geschichte ja in vollem Maße beweist. Man pocht auf den Un-Sinn der Erklärbarkeit und glaubt, man hätte ein Bild von Welt. Angstvoll schaudernd reagieren wir, zerrinnt es uns zwischen den Fingern, ähnlich dem Vorfall, als aus einer Scheibe plötzlich ein Globus wurde.


Malen ist ein immerwährender Prozess. Ein Transportmittel, in dem die Darstellung des sich darstellenden Ich's unter einem geistigen Konzept vonstatten geht. Sein Ausgangspunkt ist das Sein selbst, das sich begreifen möchte, innerhalb von Welt, nicht jedoch in der Form von Ab-Bildhaftigkeit, sondern darauf abzielend, wie Welt sich formiert unter einer Kategorie. Jedoch ist diese Kategorie auf Grund der ständigen Formierung in sich selbst in adäquatem Maße gewandelt. Es gibt sozusagen keinen eindeutigen Standpunkt, bestenfalls eine gemeinsame Achse.
In der so entstehenden Bildreihe stellt sich also nicht das Ich in verschiedenen Situationen dar, es ist so, dass ich das Ich aufgeben muss, und einen Balanceakt herzustellen gezwungen bin, um die Zäsur zwischen Sein und Welt zu überbrücken. Da helfen keine Konzepte und Rezepte, denn diese benötigen nun einmal einen Standpunkt.
Während des Malens gebe ich mich auf, werde zum Werkzeug dessen, was vor meinen Augen geschieht. Das Bewusstsein spielt in diesem Prozessieren die Rolle, das nicht sein Inhalt sich verändert, sondern seine Struktur. u'
Malen bedeutet, Erkenntnissprünge zu tun, bedeutet Hinterfragung von Dinghaftigkeit, hinter der man keine Fragestellung vermutet, bedeutet, eine Absage an den Absolutitätsgedanken. Ich werde zu einer einzigen Frage - das Sein ist nichts als körperhafte Frage.
Ich male meine Antworten dem Leben entgegen.


Vom Titel eines Bildes halte ich sehr wenig. Gehe ich zu einer Ausstellung und sehe eine große Zahl betitelter Bilder nebeneinander, muss ich an die Eingangshalle eines Flughafens denken, in dem Reisende ihre Koffer säuberlich etikettiert hin- und hertragen.
Ein filigranes Geschöpf, wie es ein Bild darstellt, erfährt eine absurde Demontage, sobald es in ein Sprachkorsett gezwängt wird. Es ist auch unsinnig von einem Gleichnis im Zusammenhang Bild - Titel sprechen zu wollen, noch legt man einen Köder im Hinblick auf einen zukünftigen Betrachter aus, in der Hoffnung dies trüge eventuell dazu bei, diesem Be-Schauer eine Verständigungsbrücke zu bauen. Man setzt nicht eine Spur, der er folgen wird: im gleichen Moment wo der Betrachter einen Titel liest, füllt er seinen eigenen Assoziationstopf nur mit seiner ureigensten Vorstellungswelt an. Er verhält sich seiner inneren Forderung gemäß. Hier von einem kommunizierenden Element sprechen zu wollen grenzt an Verwegenheit.
Manchmal bringen mich äußere Zwänge dazu, dieses Spiel der Titelsucht zu eröffnen. Die gleichen Bilder haben in verschiedenen Ausstellungen verschiedene Titel. Ärgerlich ist nur, dass es nahezu niemandem auffällt.
Gerne stelle ich Werke aus einer Schaffensperiode in einem Zyklus zusammen. Meistens bilden sie einen Block von vierundzwanzig Bildern. So entstanden die Zyklen "Rauhnacht" oder "carnevale di Venezia".

Der Malprozess
Um zu verstehen, was malerischer Prozess für mich bedeutet, bedarf es vielleicht einer Erklärung, welchen Stellenwert Material bei mir einnimmt.
Die nachfolgend beschriebenen Abläufe sind einerseits sicher als technische Handhabung erklärbar, andererseits sind sie jedoch Bedingung für das Kunstwerk selbst. Das Wesentliche der Materie ist unbedingter Bestandteil. Material wird nicht verwendet, um meine eigenen Vorstellungen zu illustrieren, sondern, es ist die Sprache der Materie in ihrem Zusammenwirken. Die Aneinanderreihung einzelner Prozesse ergibt Sequenzen, die nun jedoch nicht nur unter einem Additiven Blickwinkel zu betrachten sind. Dinge im Zusammenwirken ergeben nun zwangsläufig als Summe mehr, als ihr bloßes Zusammenzählen. Leben selbst benützt ja im selben Maße Materie als Träger. Wir bestehen aus der selben Materie, wie die Welt um uns herum. Erst das Zusammenwirken in einer Ordnung ermöglicht unser Sein. Die Benützung von Material erfordert bereits ein tiefes Verständnis um sein Entstehen, um dieses seinem Wesen nach adäquat einsetzen zu können. Dies bedeutet aber auch, dass sich die Palette der zu verwendenden Materialien ständig vergrößert. Dies nur vorab, zum Thema "malerische Technik".

Zum Aufbau des Werkes:
Gemische von Lithopone, Bleisulfat, Bariumweiß, Schlämmkreide, Champagnerkreide, versetzt mit Spuren von Farbpigmenten, in mehrerlei Schichten übereinander, jedoch mit verschiedenen Emulgatoren (Kasein, Eitempera, Gummi arabicum, Stärke, Knochenleime) werden auf die Fläche gegossen. Während dieses Grundierungsvorganges, der von Anfang an Bestandteil des Werkes ist, entstehen die ersten Abdrücke, gelangt die Fläche in Resonanz zu mir. Zwischendurch Auftrag von Pigmenten, Aschen oder Rußen, Behandlung mit verschiedenen Harzlösungen (Dammar, Mastix, Kolophonium, Schellack, gelöst in Alkohol, Testbenzin, Terpentin). Der Trockenvorgang geschieht teils durch Auf frieren oder überhöhte Wärmezufuhr. Immer wieder entstehen in der Fläche während dieser Prozedur gestalterische Eingriffe, oder die Aufgaben einer gefundenen Form. Die Anlage der Komposition verdichtet sich in diesem Stadium.
Detailliert lassen sich alle Arbeitsprozesse gar nicht beschreiben. Oberflächen werden geätzt oder gehärtet, partiell werden Quellleime im Trockenzustand aufgebracht, um erst auf der Fläche zu quellen. Abermaliges Überfangen oder Einbetten in flexible Emulsionen. Marmormehl, Glasmehl, Schiefer oder gemahlener Glimmer mit Zusätzen von Pigmenten werden aufgetragen und verleimt. Die Grundierung beginnt überzugehen in den Auftrag der Farbe. Der Duktus, der sich während der Behandlung der Fläche herauskristallisierte, wird jetzt akzentuiert. Prioritäten entstehen, die sich in verschiedenen Ebenen darstellen. Erstmals kann jetzt die Fläche durchtrocknen. Die Reaktionen, die sich während dieses Vorganges auf der Fläche abzeichnen, werden korrigiert oder als Bestandteil in die Komposition aufgenommen. Darauf hinzuweisen, dass die Vielfalt dieser Arbeitsprozesse sehr viel Fingerspitzengefühl und Erfahrung benötigt, dass Verdünnungsverhältnisse, chemische Umwandlungsprozesse, hydrostatische Eigenschaften, Mikrofilmwirkungen in einem Verhältnis zueinander stehen müssen, dass auch Haltbarkeit garantiert wird, ist unnötig. Diese Prozedur zieht sich über mehrere Tage hin, und es ist mir nicht möglich, mich während dieses Vorgangs mit mehreren, parallel entstehenden Werken zu beschäftigen. Das Bild, das gerade entsteht, ist das einzige, das Format spielt diesbezüglich keine Rolle. Die Konzentration, das Sich-Versenken in das Werk stellt auch den Zeitpunkt her, in dem Gedankenbilder in Sprachbilder umgewandelt werden. Diese Sprachbilder gleichen Überdruckventilen, durch welche die Konzentration auf das eigentliche Werk, das Bild hin, korrigiert wird.
Was also sprachlich in Erscheinung tritt, ist Resultat des Prozesses, der sich auf der Fläche des Bildes vor mir abspielt. Die Denkstruktur verarbeitet das Geschehen des Bildes, und nicht umgekehrt, dass das Bild Ergebnis der Denkstruktur wäre.
Wie schon erwähnt, ist eine eigentliche Grenze dort, wo Grundierung aufhört und Malen beginnt, nicht zu ziehen. Zum Verständnis einer Werksbeschreibung ziehe ich selbst eine willkürliche Grenze, die damit beginnt, dass ich Farbpigmente in reinem Zustand in Bindemittel löse. Die Vielzahl der Pigmente hier aufzuzählen, würde zu weit führen. Zur eigentlichen Farbe gehört auch noch der Glanz, d.h., angenommen ich verwende Colinblau, so nimmt diese Farbe je nach Art der Bindung einen anderen Charakter an. Ob Kasein, Ei, Honig oder verschiedenerlei Harze, gelöst in Terpentin, Haut-, Knochen- oder Lederleime - das selbe Blau hat jedes Mal einen anderen Glanz und dadurch auch jedes Mal eine andere Eigenschaft. Pigmente werden auch durch Zusatz leichter Bindemittel zu Walzen getrocknet, mit denen eine graphische Struktur erzielt wird. Der Auftrag von Pigmenten erfolgt auch schwimmend, und durch Zusatz von Salzen, Alkohol oder Säuren wird eine Struktur erreicht, die im Anschluss eine Neutralisierung erfordert. Durch Zusatz von Wachsen kann eine partielle Pastosizität erzielt werden. Oftmals wird Blattgold oder Blattsilber unterlegt. Verschiedene Holzarten werden zu Aschen verbrannt. Zum Malen ist alles recht, wenn es dazu dienen kann, ein optimales Resultat zu .erzielen. Küchengeräte werden zum Ärger meiner Frau zweckentfremdet, abgestellte, vermischte Tinkturen stapeln sich, weil sie vielleicht noch Verwendung finden könnten, Versuchsreihen beengen den Platz: So sieht die Praxis aus.
In diesem Stadium des Schaffens wird für mich jede an mich herangetragene Fragestellung zur Qual. Alltägliche Verrichtungen wirken, um es gelinde auszudrücken, störend, Abmachungen mit mir zu treffen, ist zu diesen Zeiten zwecklos, Besuche äußerst unerwünscht. Ich verzweifle an mir selbst, bis ich gänzlich in das Bild eingetaucht bin.
Die hier beschriebenen technischen Vorgänge dürfen jedoch nicht zur Fragestellung während des Gesamtvorgangs werden. Die Technik ist nichts weiter, als ein Transportmittel, denn das Resultat ist keine Hymne an die Technik, obwohl es interessant ist, einmal darüber zu reflektieren.
Abschließend bleibt vielleicht zu sagen, dass zum Gelingen eines Werkes, vom technischen Aufbau her gesehen, jedes Mittel als geeignet gelten darf, sofern es meiner Intention entspricht. Ob Eisenfeilspäne, Grünspan, Holzfurniere, Papiere, Schleimspuren von Schnecken, Abdrücke von Fraßspuren eines Borkenkäfers, Regen, meiner Hände, Bürsten oder Pinsel, die normalerweise als solche nicht mehr definierbar wären; jedes Material, dessen innere Struktur sich mit der meinen im Moment des Entstehungsvorgangs deckt, wird zum Mittler zwischen mir und dem Bild, das aus mir entsteht. Letztendlich verbleibt die Signatur als Endpunkt des Werkes.
So, wie jedes Bild sich darstellt, so, wie sich jedes Bild vom anderen unterscheidet, so unterschiedlich ist auch die Abfolge des technischen Aufbaus.

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