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Kunstgeschichte der Medienvernetzung

Im folgenden werden drei künstlerische Strategien des Umgangs mit elektronischen und Print-Medien skizziert. Das 'Wie' der Medienintegration und das 'Was' der Medienform sind bei diesen Strategien aufeinander bezogen. Die Überschriften der drei folgenden Abschnitte 1.-3. sind deshalb im 'Wie'/'Was'-Schema geschrieben. Abschnitt 1. beschreibt die Integration von elektronischen Ein-Weg-Medien über Ready-Made-Verfahren in Kunstwerken, Abschnitt 2. stellt die Medienkombination als kunstkontextkritisches Verfahren der Konzeptuellen Kunst vor und Abschnitt 3. präsentiert Beispiele für die Selbsteinbettung von Netzkunstwerken (Netz-Werken) in den urbanen Kontext von Netzwerken. In den Abschnitten 1. bis 3. wird eine Entwicklung der Medien- und Kanalvernetzung von Ende der fünfziger bis in die achtziger Jahre skizziert, die von der Integration von Funkmedien in traditionelle Kunstgattungen/-medien wie Malerei, Skulptur und Objektkunst bis zur Einbettung von künstlerischen Netzwerken in urbane Netze reicht.

1. Ready-Made-Medium als Präsentationsform/TV:

Seit Ende der fünfziger/Anfang der sechziger Jahre integrieren Wolf Vostell und Tom Wesselmann funktionstüchtige Fernseher in Bilder (Vostell, W. - "TV-dé-coll/age No.1", 1958; ders. - "Transmigracion", 1958; ders. - "Millionen-Kasten II/III", 1958/59; Wesselmann,T. - "Still Life No.28" und "31", 1963), Objektmontagen (Vostell, W. - "Deutscher Ausblick aus dem Zyklus schwarzes Zimmer", 1958/89) und Installationen (Vostell, W. - "EdHR", 1968; ders. - "Heuschrecken", 1969/70). César montiert 1962 einen Fernseher ohne Gehäuse auf eine Schrottskulptur und setzt beide in eine Plexiglasbox mit Löchern für Antenne, Lautsprecher, Bedienungsknöpfe und Lüftung ("Television", 1962). Die klassischen Vorgehensweisen der Translokation isolierter Objekte in Ausstellungsräume (Ready-Made) und ihre Montage werden durch die laufenden Fernseher von César, Vostell und Wesselmann erweitert: Sie sind an jedem Ort an ein Sendenetz anschließbar und verändern ihre Bildoberfläche in unvorhersehbarer Weise.

Wolf Vostell und Nam June Paik verlegen Ende der fünfziger/Anfang der sechziger Jahre bereits die Ebene des Einsatzes künstlerischer Strategien auf TV-Output-Manipulationen: Während Wolf Vostell (Projektskizze, 1958; "TV-dé-coll/age für Millionen", Fotos, 1959; "TV für Millionen", Fernsehgerät, 1959/67) noch die vorhandenen Schalter für Bildverfremdungen verwendet, stört Paik die elektromagnetischen Wellen in der Kathodenstrahlröhre mit den Magnetströmen eines Hufeisenmagneten ("Magnet-TV", 1963-65) und eines Degausser ("Participation TV", 1965) und verzerrt so das Monitorbild. Durch den 1970 von Shuya Abe und Paik entwickelten Videosynthesizer wird die Manipulation der elektromagnetischen Wellen in Fernseherröhren systematisch steuerbar. Der Videosynthesizer ist eine Vorform der computergestützten Transformation digitalisierter Bilder.

Richard Hamilton verwendet 1970 für seinen Siebdruck "Kent State" ein Standfoto von einem TV-Monitor als Motivvorlage. Das Standfoto entsteht während einer Sendung der BBC-News im Mai 1970. Es zeigt Dean Kahler, nachdem er bei Studentenunruhen auf dem Campus der Kent State University von Schüssen der "amateur [National] guardsmen" getroffen wurde. Hamilton beschreibt 1971 den Prozeß der Satellitenübermittlung des Ereignisses von seiner Aufnahme vor Ort bis zu seiner Projektion auf dem Bildschirm ohne Bezug zum Inhalt. Auf diesen Prozeß der Reproduktionsmedien- und Kanalvernetzung läßt Hamilton einen langwierigen fünfzehnfarbigen Siebdruckprozeß in einer Massenauflage von 5000 Exemplaren folgen: "Fifteen layers of pigment; a tragic chorus monotonously chanting an oft-repeated story. In one eye and out the other." (R. H. 1971)

Hamilton verschiebt den Moment des Einfrierens eines Übermittlungs- und Reproduktionsprozesses: Indem das Nachrichtenbild als Siebdruck reproduziert und verteilt wird, wird der Zirkulationsprozeß fortgesetzt. Kataloge und Kunstbücher, die Illustrationen von Hamiltons Siebdruck "Kent State" zeigen, ergänzen den Zirkulationsfluß um eine weitere Phase. Hamilton führt sich und uns die Diskrepanzen zwischen indifferenter Reproduktion und Ereignis in Kent/Ohio vor. Während Hamilton 1970 die Ein-Weg-Information überpointiert, indem er die indifferente Reproduktion des News-Networks mit hohem technischem Aufwand (15 Farben) in einem druckgraphischen Medium dupliziert, hat Paik mit "Participation TV" das Ein-Weg-TV bereits 1965 in ein reaktives Medium transformiert. Paik erweitert 1969/71 "Participation TV" zum Closed Circuit mit Video-Synthesizer und vier Monitoren ("Participation TV II"). Künstlerisches Modell der etablierten Medienpraxis (Hamilton) und Veränderung dieser Praxis durch Modifikationen der Medientechnologie (Paik) sind komplementäre Prozesse.


Das wahre Wesen des Staates
Rede von Mumia Abu-Jamal vom 4. Mai an der Kent State Universität

Als ich angefragt wurde, einige Worte zu schreiben über das Massaker an der Kent State Universität am 4. Mai 1970, füllte sich mein inneres Auge wie ein Eimer unter einem leckenden Waschbecken. Jedes Wort ein Tropfen, nicht Wasser, sondern Blut. Jeder Tropfen ein runder schillernder Spiegel, der in eine rote Schüssel plumpst und überläuft. Jeder Tropfen ist ein glänzender Ort, der in einem Wort eine ganze Welt verbindet. My Lai. Kent State. Hiroshima. Philadelphia. Tulsa. Jackson State. Rosewood. Haymarket Square. Waco. Wounded Knee. Sand Creek. Fort Pillow. Attica.
Wie jeder weiß, der die Geschichte studiert, könnte diese Liste endlos erweitert werden, weil Massaker ein Bestandteil des amerikanischen Unternehmens sind. Was diese blutigen Meilensteine in der Geschichte, und der relativ neuen Geschichte des 20.Jahrhunderts, könnte ich hinzufügen, uns lehren, ist die Allgegenwärtigkeit von Staatsgewalt und auch dass die staatlichen Akteure ganz offen Taten begehen, die, wenn sie woanders geschehen würden, Verbrechen gegen die Menschlichkeit genannt werden könnten.
Wie lange waren die ausgebildeten Mörder von Kent State im Gefängnis? Wie war es mit den ausgebildeten Mördern von Jackson State? Ich meine, sie bekamen die gleiche Haftstrafe wie die Bombardierer des MOVE-Hauses in Philadelphia, die gleiche wie die bestens ausgebildeten Mörder von Waco und im Endeffekt die gleiche wie die Mörder Amadou Diallos und die blutrünstige Mörder von Attica. Nichts, keine Haftstrafe, weil dies für das System keine Straftaten waren. Kent State zeigt, dass eine sogenannte freie Gesellschaft Studenten abschlachtet, die ihr angeblich von der Verfassung garantiertes Recht, für Frieden zu demonstrieren wahrnehmen, und ihre Mörder dafür belohnt, und dies auch noch ganz offen.
Die Leidenschaft, die über eine Viertel Million Menschen auf die Straßen gegen den Krieg in Vietnam trieben, ist in den letzten 30 Jahren abgekühlt. Aber für viele, die Armen, die radikal Andersdenkenden, die Gefangenen und zunehmend die schwarzen Jugendlichen, findet der Krieg im eigenen Land statt. Kent State war wirklich ein scheußlicher und blutiger Meilenstein, aber wie Amadou Diallo zeigt, das vom Staat vergossenen Blut fließt immer noch. Es zeigt uns auch die sehr realen Grenzen des Gesetzes auf. Wenn der Staat selber Straftaten begeht, denn schreien alle diese furchterregende Beispiele aus dem Leichenhaus der Geschichte zu uns. Und keiner dieser blutrünstigen vorsätzlichen Massenmörder verbrachte auch nur eine einzige Stunde im Gefängnis.
Was sagt das über das Wesen der Dinge? Ist es nicht so, dass die vier Jugendlichen in Kent State liquidiert wurden (Bild), weil sie ihre von der Verfassung garantierten Rechte in Anspruch nahmen? Was sagt das über das wahre Wesen des Staates? Von Amerika? Der Verfassung? My Lai. Kent State. Hiroshima. Philadelphia. Tulsa. Jackson State. Rosewood. Haymarket Square. Waco. Wounded Knee. Sand Creek. Fort Pillow. Attica. Ortsnamen für Massenmorde. Blutstropfen, die in einen riesigen blutigen Eimer fallen: einen Eimer namens Amerika.
Ona Move! Long Live John Africa!
From death row, this is Mumia Abu-Jamal. (SPG)

 
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